Minimalismus. Ein Trend.

Minimalismus – ein Trend. Aber ein bleibender.

Ein Jahr ist es her, dass ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was sich hinter dem Begriff Minimalismus verbirgt.

Damals las die Beiträge zweier Blogs. Und ich suchte in einer Geschichte der Philosophie nach “Minimalisten”…

 

Bis zu diesem Zeitpunkt war bereits eine Menge Zeug aus dem Haus gewandert.

Aber dass ich ein Minimalist sein soll, daran dacht’ ich dabei gar nicht.

Und “downshifting” und “frugal leben”? Nie gehört.

Auch kam mir nicht in den Sinn, dass irgendwer ein “Ratgeber”-Buch zum Entmisten seines Kellers/Kleideschranks/Schminktischens benötigen könnte.

Inzwischen ist Zeit genug vergangen, um einen zweiten Teil nachzureichen:

Minimalist ist jemand, der … ach, davon schreibe ich am besten erst am Ende.

Meine Überlegung im zweiten Teil spiegeln wieder, was ich unternommen habe, um einem “Zuviel” an Besitz zu entkommen und was ich gesehen und was ich erlebt habe.

Mein “Experiment” begann eher harmlos: mit einer Kiste “Zu Verschenken” vor dem Haus.

Später bekam ein Studentenwohnheim eine Kiste mit Geschirr, Besteck, ein Pfanne und einen Toaster :-D

Minimalismus war für mich erst einmal ein Selbstversuch.

Und beschränkte sich nicht auf den einen oder anderen Bereich im Haus: Ich wollte einfach weniger haben und damit einen “Zugwinn” an Lebensqualität (gut in Worte gefasst findest du das hier).

Der Minimalismus ist ein Trend. Ein kleiner.

Dieser Trend dient – ja, das klingt jetzt ein wenig hart – als ein Feigenblatt für die einen (die in ihrem Luxusleben auf unnötigen Schnickschnack”verzichten”). Für andere eine ernst zu nehmende Überzeugung und kann daher nach mehr oder weniger greifbaren”Spielregeln” praktiziert werden.

Wieder andere leben einfach einfach.

Und dann gibt es noch die, die immer strebend sich bemühen, auf dieser Erde nicht zu viel Müll und möglichst kleine Fußabdrücke zu hinterlassen.

Minimalismus und dein Leben.

Und dann ist da noch eine Sache, die mir vor längerer Zeit auffiel: Minimalismus und life-hacking.

Ist Minimalismus oder die Art mit wenig Besitz zufrieden zu sein, eine Form der Lebensbewältigung?

Eine neue Form der Sinngebung? Wäre doch denkbar.

Da es verschiedene Motive für eine einfache Lebensweise gibt, ist es berechtigt von dem Minimalismus als einer indiviuellen Einstellung auszugehen.

Einer Einstellung zum eigenen Leben und zum Leben auf dieser Erde. Ich denke, dass gehört zusammen.

Eine Bewegung ist der Minimalismus nicht. Das hat der Minimalist mit dem Einsiedler aus längst vergangenen Tagen gemein.

Keine Bewegung.

Weder der Einsiedler noch der Minimalist ist Teil eines großen Marsches, auf dem das Banner der Schlichtheit und womöglich noch der Konsumkritik durch die Lande getragen wird.

Minimalismus geschieht einfach, wird gelebt.

Und glücklicherweise machen sich viele Menschen keinen schweren Gedanken darum. Sie haben – intuitiv vielleicht – begriffen, dass weniger mehr ist, im kleinen Rahmen und in globalen Bezügen.

Allerdings gibt es noch die anderen, die sich keine Gedanken machen: Diejenigen, die nicht genug kriegen können.

Und die breite Masse?

Da gab es eine Reportage über verschuldete Menschen. Das Thema ist wichtig. Doch hier war es für mich erschreckend zu sehen, wie Menschen in die Kameras jammern und sich nicht einmal schämen, dass sie die 30.000 für den Neuwagen kaum abbezahlen können. Und nebenbei über die Finanzämter, das Steuersystem, die Politik usw. schimpfen. Darf’s noch a bisl mehr sein?! Eine Prise minimalistisches Denken könnt’ in solchen Fällen Unglück verhindern helfen.

Ein erschreckend großer Teil scheint getreu dem Motto zu wirtschaften “Macht euch die Erde untertan.”

Und viele “Endverbraucher” am Ende des Konsumgüterfließbandes, von dem sie alle rollen, die bunten, leckeren, ach so praktischen “Gegenstände des täglichen Gebrauchs”, diese Endverbraucher konsumieren.
Danach: Ab in die Tonne. Wahlweise auch: in die Luft, ins Meer, verbuddeln …

Anstöße für den Wunsch nach weniger.

Gespräche, Blog-Geschichten und Ideensammlungen zwischen Buchdeckeln zeigen mir: Eine große Zahl derer, die sich um weniger bemühen, waren anfangs geschockt

- von den Auswirkungen des Konsumwahns auf unsere Umwelt
- von ihrem eigenen Überflüss
- von dem Überfluss, den sie schon bei Kindern bemerken konnten
- von den Gegensätzen, die sich in der Gesellschaft auftun: Überflüss auf der einen, Mangel am Nötigsten auf der anderen Seite.

Bei mir kam noch hinzu: Ich hatte viele Jahre sogenannte Ökos und Grüne “live” um mich herum. Hörte mir Reden an von Nachhaltigkeit und von der Bewahrung der Schöpfung.

Aber in zu vielen Fällen wurden die Hanf-Taschen mit fettem BIO-Aufdruck und die Sonntagsreden von Leuten durchs Land getragen, von Menschen, die sich gut-bürgerlich eingerichtet hatten und auf Luxus schwer zu verzichten bereit waren.

Ich weise an dieser Stellen nochmals auf meine, eben subjektive Sicht hin, aber … der große 7er Audio, der beim Bioladen vorfährt, ist nämlich gar kein Witz…

Ebensowenig die 200 Meter, die zum sonntäglichen Brötchenkauf mit dem Kleinwagen “überwunden” werden müssen … und nicht nur einmal. Ich habe das über Jahre hinweg gesehen – und geschmunzelt.

Diese Menschen müssten – wenn es nach der Farbe ihres Parteibuches ginge – sich sehr wohl der Misere unserer Weltmeere, des Drecks in unserer Luft und der Vielzahl schleichender Gifte in unseren Lebensmitteln bewusst sein.

Na, das geht jetzt zu sehr ins Politische hinein.

Dennoch: Die Frage finde ich berechtigt: Warum zur Hölle tun sie dann so merkwürdig inkonsequente Sachen?

Vielleicht weil sie sich mit “Grün” und “Bio” und “Öko” und – Ihr ahnt es schon – “Nachhaltigkeit” irgendwie ein stückweit identifizieren, aber innerlich leer sind?

Angekommen im Establishment: Eben noch beim Friedensmarsch jetzt in der bürgerlichen Welt?
“Mein Freund, der Baum ist tot” war gestern. Heute wartet der bequeme Sessel und dazu HDTV?

Gestern von der heilen Welt geträumt, heute dürfen’s auch Äpfel vom anderen Ende der Welt sein, es steht ja in freundlich-grünen Lettern “BIO” drauf.

Ich weiß es nicht. Aber mir fiel so etwas eben auf.

Im Innern leer? Aus dem Innern motiviert?

Wenn es um Einfachheit und Schlichtheit geht, dann kommen Impulse oftmals aus dem Bereich, den wir “östliche Spiritualität” nennen.

Das ist nicht zwangsläufig so. Aber ich erkenne da eine Tendenz.

Der Name ist ja schon Programm: Zenhabits von Leo Babauta gewinnt von dort Inspirationen. Und er inspiriert viele Menschen. Er gibt ihnen keine Anleitungen. Er hilft, im Inneren Dinge zu sortieren. Das wirkt sich aus im äußeren Handeln.

John Rueth bemerkt mit seinem Blogbeitrag “Zen und Minimalismus”, wie sehr Zen und Minimalismus in aller Munde waren/sind.

Aber populär ist der Minimalismus deshalb nicht geworden. Es gibt keinen Pop-Minimalismus.
Auch Minimalisten verzichten ja nicht auf alles. Das, was jedem Minimalisten oder jeder Minimalistin überflüssig erscheint, das tritt den Weg in die Zu-Verschenken-Kiste vor der Haustüre an. Oder dahin, wo es noch Verwendung finden kann.

Ein Minimalist weiß, worauf er verzichtet. Und zugegeben: Ich weiß, was ich vermisse.
Ich weiß aber auch so halbwegs, was ich wirklich zum Leben benötige.

Schön klingt das bei Rueth:

“In Richtung Steinzeit möchte ich mich also nicht zurückbewegen, sondern technische Errungenschaften nach kritischem Prüfen in meinen Lebensalltag integrieren, sofern mir die finanziellen Mittel zur Anschaffung dieser zur Verfügung stehen. Das verhält sich übrigens bei den meisten Minimalisten auch so (selbst wenn sie es nicht immer zugeben würden), da sie ja stets auch über einen Computer bzw. ein Notebook mit Internetzugang verfügen, um sich virtuell mitteilen zu können.”

Rueth macht m.E. auf einen Zusammenhang aufmerksam, der für die “Soziologie” der Minimalismus-Szene aufschlussreich ist: Minimalismus als trendy Lebenseinstellung muss man sich erst einmal leisten können.

Wer täglich darum – ja, so weit sind wir in dieser Banananrepublik – kämpfen muss, seine Kinder mit Schulheften, Busfahrkarten, nahrhaftem Butterbrot, Nachhilfe- und Musikunterricht und Kleidung zu versorgen, der wird sich kaum Gedanken darüber machen, ob der Minimalismus nun ein Trend ist, eine Bewegung oder ein “lifestyle” einiger internetaffiner Nerds.

Rueth überlegt, inwiefern

der Minimalismus vielleicht tatsächlich ein neuer Trend [ist], der mit dem Internet aufkam bzw. dadurch zumindest in seiner Verbreitung erheblich unterstützt wurde.

Eine gute Frage. Ich stelle mir dazu vor, wie die Minimalismus-Blogger durch die Innenstädte ziehen und dafür werben, weniger zu kaufen, wie sie paarweise von Tür zu Tür ziehen und die “Nur-100-Dinge-Formel” predigen.

Statt “Erwachet!” ertönt nun ein “Verschenk’ es!”.

Das wäre mal was.

Nein. Meiner Einschätzung nach ist die Sache ein Kind des Internets. Es ist halt schön: Neben einem dampft der Tee, man tippt seinen Beiträg in den Mac (Juhuu), der frugal auf dem inzwischen verwaisten Schreibtisch thront.

Und? Schlimm? Nee.

Für mich ist jeder Eintrag, den ich verfasse und jeder neue Blogger, der an den Start geht, um über sein Downshifting, seine persönliche Erfahrungen zu schreiben, eine Erinnerung:

Eine Erinnerung daran, weiter zu wirken, dieser Erde nicht mehr zuzumuten als sie tragen kann.

Ganz gleich, ob die Idee der Minimalisten nun trendy ist, ob du dein Leben genießen willst und das mit nur ganz wenigen exquisiten Luxusgütern tust oder dein “Wunsch nach weniger” deiner Spiritualität entspringt.

Am Ende bleibt eben dadurch die Idee “virulent”, d.h. sie wirkt in einem positiven Sinne ansteckend.

Und da könnte er sein, der eine gemeinsame Nenner der Minimalisten.

 

 

 

 

Anne Donath: Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann. Bericht über ein einfaches Leben, München 2006.

Jean Giono: Vom wahren Reichtum, Verlag Die Arche 1980.  -  Wiki-Artikel zu seinem Leben.

Tom Hodgkinson: Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben, Berlin 2007.

John Lane: Das einfache Leben. Vom Glück des Wenigen, Bielefeld 2012.

 

Ein wenig skeptisch bin ich bei folgenden Titeln, da sie mir zu sehr nach Ratgeber mit Sofortwirkung klingen, daher habe ich sie noch nicht gelesen:

Marc Gordon: Einfacher Leben in 60 Minuten, Thiele Verlag 2012.

Bill Jensen: Radikal vereinfachen. Den Arbeitsalltag besser organisieren und sofort mehr erreichen.

 

4 Kommentare zu „Minimalismus. Ein Trend.“

  1. Pu sagt:

    Hi
    Ich beschäftige mich seit Neujahr mit Minimalismus. Brauche kein Buch, kein Anleitung. Die Ideen anderer geben mir manchmal einen Anstoß.

    Und hier ist ein Fehler
    “dieser Erde NICHT mehr zuzumuten als sie tragen kann.
    lg Pu

  2. minimize sagt:

    Willkommen im Club, sagt man da wohl?

    Danke für den Hinweis, hab’s korrigiert.

  3. Stefan sagt:

    Schöner Artikel. Bin jetzt auch schon eine Weile dabei, allerdings in kleinen Schritten. Zielsetzung: Erstmal auf den Durchschnitt Besitzstand meiner Kindheit reduzieren. 60er Jahre. Mein Vater hat damals in Wechselschicht als Facharbeiter gearbeitet und für damalige Verhältnisse sehr gut verdient. Wie sah es denn da so aus? Auto hatten die wenigsten, Telefon genauso. Waschmaschine totaler Luxus. Gefrierschrank gabs auch selten. Fernsehgerät, Schwarzweiß, ein kleines Heiligtum. Damals sauteuer. Aldi oder Lidl gabs auch nicht. Einkaufen bei Tante Emma oder frisch auf dem Markt war die Regel. Heute schwelgen wir dagegen im Luxus, nur das ist den meisten gar nicht klar! Was man erstmal wieder lernen sollte, ist sich auf das Wesentlich e zu konzentrieren. Das ist in den letzten Jahren komplett verloren gegangen. Das ist auch unser Ziel, ein langwieriger Lernprozess. Haben uns schon von einigem Ballast befreien können, doch bei jedem zur Disposition stehendem Gegenstand muss auch eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden. Beileibe kein leichtes Unterfangen. Strittige Sachen landen jetzt immer für 6 Monate im Keller, meist gehen sie dann auch. Gut das wir den Keller bis auf Fahrräder,Kartoffelkiste und das Regal fürs Ein gemachte bereits leer haben. Nicht das das jetzt falsch verstanden wird, damals war nicht alles besser, eben total anders. Viele Sachen, die heute selbstverständlich scheinen gab es bei den meisten nicht. Z.b. Kaffeemaschine, elektr. Dosenöffner. Die Frischmilch brachte der Milchmann an die Haustüre, die Kartoffeln kamen Zentnerweise direkt vom LKW. Und noch ein Riesen Unterschied: Die wenigsten hatten Schulden! Es wurde nur gekauft was man auch bezahlen konnte. Heute ist doch alles auf Pump. Sparen war angesagt. Diese Einstellung sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren und danach zu leben ist unser Ziel und für die Zukunft dadurch mehr Lebensqualität zu gewinnen unsere Motivation. In diesem Sinne wünsche ich euch allen viel Erfolg auf eurem individuellem Weg.

  4. minimize sagt:

    Ouups, da habe ich doch euren Kommentar glatt übersehen.

    Umso mehr freue ich mich am 1. Mai :-)

    Ja, fragwürdige Sachen mal für 6 Monate in den Keller zu verfrachten, ist immer nützlich. Und was du mit Blick auf gesellschaftlichen Zustände schreibst, ja, das mag weit verbreitet sein. Als ich neulich über den Schulhof ging, da hatte die überwiegende Zahl der SuS iPhone und Co in der Hand. Es scheint die Denke am Ruder zu sein: Es geht nicht mehr ohne.
    Aber früher war das eben der Gameboy … jede Zeit hat ihren Spleen. Nur: Wer das iPhone NICHT hat, ist vermutlich nicht “vernetzt”, der kann nicht twittern, youtuben, facebook volltexten usw. Das ist bedenklich.

    Aber: Wir können anderen nur vorleben, wie man mit weniger auskommen kann :-)

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