Sonntagsgedanken: Weniger Vergeben. Mehr Vergessen.

Zu vergessen ist wichtig und hilft uns weiter. Mit dem Vergeben verhält es sich nicht zwangsläufig so.

Source: http://sayingimages.com/forget-what-hurt-you-in-the-past/

Wir leben in einer vom Judentum – genauer: einer Abspaltung davon, dem Christentum – geprägten Gesellschaft.
Zentrale Gedanken von Judentum und Christentum, aber auch im Islam sind ein ausgeprägtes Verständnis von Schuld und Schuldigwerden auf der einen und Wiedergutmachung und Vergebung auf der anderen Seite.

Wir glauben vielleicht nicht mehr an Gott, den allmächtigen Vater, der Himmel und Erde gemacht hat.
Wir haben dennoch unzählige Glaubenssätze verinnerlicht.
Einer davon heißt: “Wir sollen vergeben.”

Denn es heißt: Wenn du nicht vergibst, wird dir Gott auch nicht vergeben – das ist ein zentraler Satz an zentraler Stelle in der Bibel. Die Frage, ob Christen das glauben und leben, ist berechtigt, lasse sie aber mal beiseite.

Ich glaube: Wir dürfen uns viel weniger um Vergebung Gedanken machen oder uns darum bemühen. Vergessen tut uns in vielen Fällen einfach nur gut.
Einem Menschen zu vergeben, der einen verletzt oder betrogen, der einem vorenthalten hat, was er versprach, ist eine anstrengende, zudem Kraft und Zeit raubende Sache.
Menschen, die von unserem Radar bereits verschwunden sind, die inzwischen ihren Weg gehen, ihnen müssen wir nicht mehr vergeben. Wir können sie und ihre verletzenden Ansichten und (Un)taten einfach vergessen.

Schwieriger gestaltet sich dies freilich bei Menschen im direkten Umfeld, weil wir hier mitunter ständig erinnert werden.

Deutlicher wird es vielleicht, wenn wir bedenken, worin denn das Gegenteil des Vergessens bestünde: Nämlich darin, sich regelmäßig das ins Gedächtnis zu rufen, was der andere Mensch einem angetan, was eine(r) an unguten Dingen in dein Leben gebracht hat.
Das ist völlig unnötig. Und führt zudem zu Traurigkeit und Ärger.

Wenn negative Erfahrungen dem Vergessen anheimfallen – und das können sie! – ist das befreiend.

Manchmal kann es auch nützlich sein, sich zuvor bewusst zu machen, was eigentlich geschehen ist, was einen verletzt hat, bevor man sich dann davon verabschiedet.

Das nenne ich dann gesundes Vergessen.

Überstürzt und ohne darüber nachzudenken ungute Situationen oder Lebensabschnitte einfach vergessen zu wollen, wird m.E. nicht funktionieren.

Wir dürfen uns die Freiheit nehmen, uns weniger mit einem Prozess der Vergebung, dessen Ausgang in der Regel ungewiss ist, aufzuhalten.

Viel eher hilft es uns, sich den Erfahrungen zu stellen, daraus Lehren für ein gelingendes Leben zu ziehen und dann alles dem Vergessen anzuvertrauen.

 


 

 


Schlagworte: ,

6 Kommentare zu „Sonntagsgedanken: Weniger Vergeben. Mehr Vergessen.“

  1. bundesbedenkentraeger sagt:

    Du scheinst ja auch zu meinen, christliche Lehre darstellen zu können, auch wenn ich Dir bei “Wenn du nicht vergibst, wird dir Gott auch nicht vergeben” ein wenig anderer Meinung bin, aber das will ich hier gar nicht vertiefen.

    Wenn negative Erfahrungen dem Vergessen anheimfallen – und das können sie! – ist das befreiend.

    Ja, können tun sie das, aber das “wenn” ist doch sicherlich eher konsitional als temporal zu verstehen.

    Ich kann mir nicht vornehmen, etwas zu vergessen. Das Vergessen ist etwas, das mir passiert, das ich aber nicht tue. Und so lange man verletzt ist, wird man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, was passierte. Auch das eher ungewollt als gewollt.

    Vergessen ist hier sicherlich eine angenehme Sache, wenn sie sich einstellt. Damit es aber soweit kommt, kann es hilfreich sein, wenn der Schmerz gelindert wird. Wenn die Beziehung zu demjenigen, der die Verletzung verursachte, wieder zum Positiven gewendet wird. Dann werden nach und nach andere Erinnerungen an diese Person die Verletzung verdrängen, vielleicht lernt man ihn soweit kennen, daß man die Ursachen der Verletzung erkennt, ihn ein Stück weit verstehen kann. Das nimmt oft auch der Verletzung die Spitze, wenn man erfährt, daß derjenige vielleicht gar nicht verletzen wollte.

    Das ist dann aber genau das, was Du ablehnst: Die Vergebung. Trotzdem: Vergessen kann schwerlich die Handlungsalternative sein, weil sich Vergessen eben nicht tun lässt.

  2. Toffel sagt:

    Vielen Dank für Deinen (Gast)beitrag.
    Fußballregeln/Christliche/Islamische/Jüdische/Sozialistische Lehre darf jede(r) darstellen, der imstande ist, die Grunddokumente der jeweiligen Sportart/Weltanschauung zu lesen :-D

    Und: Vergessen ist nicht nur ein aktives Verb, sondern kann auch aktiv geübt/praktiziert werden. Wenn nicht, so würden ganz Scharen von Psychologen umsonst ihre diesbezüglichen Methoden und Übungen an den Mann/die Frau bringen. Aber das ist eine Geschmackssache. Vergebung ist eindeutig eine tolle Sache, wenn sie funktioniert.
    LG

  3. Oli sagt:

    Hi. Interessante Gedanken zum Christentum. Bin selber Christ und ich finde schon, dass Vergebung im Mittelpunkt des Glaubens stehen sollte. In unsrer Gemeinde (freikirche) wird viel Wert auf Vergebung gelegt. Wer im Streit mit einem Bruder ist soll bei uns auch nicht zum Abendmahl gehen. Böse Worte kannst du vielleicht vergessen, was aber ist mit Beleidigungen, Streit, Verletzungen usw.? Und bei den Psychologen ist Vergebung auch wichtig.
    Oli

  4. Toffel sagt:

    Danke für Deinen Kommentar.
    Das, was Du schreibst, bestreite ich ja gar nicht. Und das Christentum habe ich auch nicht beschreiben wollen, sondern nur EINEN zentralen Gedanken: Wie wichtig Vergebung bei den Christen eigentlich sein müsste, es aber m.E. in der Praxis nicht ist (wobei es noch viel mehr gibt, was Christen eigentlich glauben und leben sollten, wenn sie den, nach dem sie sich benennen, beim Wort nähmen).
    Wie schon gesagt: Vergebung ist ‘ne feine Sache, wenn sie denn funktioniert.
    LG

  5. Frauke sagt:

    Für mich heißt es ganz klar: Mehr vergeben, weniger vergessen…

    Wer nicht vergibt, der lässt auch nicht los und bleibt weiter in seinem persönlichen Teufelskreis gefangen. Es ist unglaublich befreiend, wirklich zu vergeben (es also nicht nur zu sagen, sondern auch zu meinen). Wer einfach nur “vergisst”, verdrängt in Wahrheit und irgendwann holt einen alles ein…

    LG

  6. Code Bonus Party Poker sagt:

    Hi there, just became alert to your blog through Google, and
    found that it is truly informative. I am gonna watch out for brussels.
    I’ll be grateful if you continue this in future. Numerous people will be benefited from your writing. Cheers!

Kommentieren

*